Vom ökumenischen Treffen in Sibiu und von dem was nachklingt.

Ohne große Erwartungen bin ich nach Rumänien gefahren und begeistert zurück gekommen. Als Vertreterin der CVX in Europa war es meine Aufgabe zu ergründen wo in Zukunft der Schwerpunkt für die CVX sein könnte: Einheit der Christen oder Dialog zwischen Weltreligionen, konkret zwischen Christen und Muslimen.

In diesem Artikel möchte ich vor allem Zeugnis geben von dem was mich bewegte, es ist also keine kohärente, objektive oder ausgiebige Berichterstattung; denn die kann man auf Internet finden [1]!

Zum Land und seinen Leuten

Es war mein erster Kontakt mit Rumänien. Während drei Tagen sind wir zu dritt mit Mietwagen durch Siebenbürgen/Transsylvanien gereist, haben Schlösser und Dörfer mit Kirchenburgen besucht, umringte Städte wie Brasov, Sighisoara, natürlich auch Sibiu besichtigt, in der Casa Luxemburg übernachtet . . . und ein neues Stück Europa entdeckt, oder sollte ich nicht lieber von einem alten Stück Europa sprechen. Als Luxemburgerin wird man noch herzlicher empfangen, so zu sagen als eine schon lange nicht mehr besuchte, alte Verwandte; ich konnte nicht umhin und verliebte mich in dieses Land und seine Leute:

Eine Studentin war unsere Führerin durch Brasov; im 3. Jahr Management Studium hat sie schon ein kleines Touristen-Unternehmen gegründet, spricht ausgezeichnet englisch, beschäftigt andere Studenten, erzählt mit Leidenschaft von der rumänischen Geschichte, - die sich außerhalb der befestigten Städte abspielte -, und ärgert sich über mafiöse Transportunternehmer, deren „gute Beziehungen“ zum Transportminister dazu führen, dass jede Initiative, sprich Konkurrenz, in diesem Bereich im Keim erstickt wird.

Sehr vielen Menschen, besonders Älteren, sieht man äußerlich an, dass sie materiell arm sind; betteln tun sie trotzdem nicht, sondern alte Damen verkaufen vor den Kirchen wunderbare Wald- und Wiesenblumen oder an der Strasse entlang Produkte ihres Gartens (Zwiebel, Knoblauch, Pflaumen, Trauben, Äpfel); ältere Herren bieten selbst gemachten Käse an, der dank der Baumrinden-Verpackung auch den Weg bis nach Luxemburg übersteht. Pensionierte Leute führen durch ihre zum Teil gut renovierten Kirchen, laden mich ein, luxemburgisch zu reden und erfreuen sich daran, dass sie es verstehen. Die türkischen Teppiche bieten ein besonderes Dekor in manchen Kirchen; sie sind Geschenke der erfolgreichen christlichen Handelsleute aus dem 16. und 17. Jahrhundert, - manche Städte aus Siebenbürgen lagen auf der Handelsroute zwischen Wien und Konstantinopel/Istanbul.

Manchmal fühlte ich mich wie in Kosovo’s Dörfer, so ähnlich ist die Dorfgestaltung und die Architektur der Bauernhöfe, nach außen hin geschlossen, spielt sich das Leben im Innenhof ab. In Kosovo dachte ich dass die Rolle der Frauen im Islam diese Abgeschlossenheit und das nach innen-orientierte Familienleben erklärte. Nun sah ich dass „luxemburgisch“-sprechende Christen (die sich Sachsen nennen) ähnliche Bauweisen hatten. Die Erklärung ist einfach: um sich vor den vielen Überfällen von Tartaren und Türken, über Jahrhunderte hinweg, zu schützen, hatte man diese Architektur entworfen, genau wie die mich faszinierenden Kirchenburgen und Bauernfestungen.

Eine andere, im Balkan gewachsene, Überzeugung wurde mir in Sibiu von einem älteren Sachsen und reformierten Pfarrer bestätigt: die Feudalherrschaft, die in Siebenbürgen Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschafft wurde, hat bis heute Nachwirkungen in den Köpfen der Leute. Bei der Revolution - in Rumänien meint man damit die Abschaffung der kommunistischen Diktatur Ceucescu’s im Jahre 1989 - habe man sehr gut den Unterschied zwischen den Bürgern der befestigten Städte, den freien Bauern der gut organisierten Dörfer und den untertänigen Lehnsmänner, die in den stadtnahen Dörfern lebten, gemerkt. Das Knecht-Herr-Verhalten sei immer noch nicht aus den Köpfen verschwunden.

Zum oekumenischen Treffen

Der Ortskern von Sibiu selbst spricht Bänder: in einem Umkreis von knapp 200 Meter kann man in der Innenstadt Sibiu’s 5 Türme sehen, davon 4 Kirchtürme: reformiert-kalvinistisch, evangelisch-lutheranisch, römisch-katholisch, rumänisch-orthodoxisch; von aussen sehen sie alle gleich aus!

In Sibiu, sowie in ganz Rumänien, bekennt die große Mehrheit der Einwohner sich zur Orthodoxie; deshalb waren sehr viele orthodoxe Würdenträger präsent, allen voran der ökumenische Patriarch von Konstantinopel/Istanbul, dessen herzlicher Empfang in der orthodoxen Kirche mich tief berührte.

Der Choral in der orthodoxen Vesper oder in der griechisch-katholischen, nach altem Ritus [2] zelebrierten Messe ging mir bis in die Knochen, oder sollte ich sagen, ließen mich ein Stück Himmel erahnen. Auch die gemeinsamen Gebetsmomente im Zelt, teilweise mit Taizé-Liedern gestaltet, waren bewegend. Es war einfach schön, wenn Tausende sich gemeinsam Gottes Geist öffneten und sangen „das Licht leuchte uns“. Für mich sind es gerade diese tiefen Glaubensmomente, die uns alle auf gleiche Ebene stellen, egal was unsere jeweiligen Konfessionen z.B. zum Amtsverständnis sagen.

Direkt am Anfang der Vollversammlung haben mich zwei Punkte angesprochen: zum ersten wurden wir eingeladen, das Anpflanzen von 3 ha Wald rundum Sibiu mitzufinanzieren, als „Wiedergutmachung“ für das viele Treibstoff, das wir 2500 Teilnehmer für unsere Reise benötigten. Den ökologischen Fingerabdruck konnte man während des ganzen Treffens bemerken. Zum andern wurde beim Beginn der Plenarsitzung ein „mea culpa“ ausgesprochen. In Basel und in Graz waren Selbstverpflichtungen eingegangen worden; was war damit geschehen? Eine Teilnehmerin brachte es so auf den Punkt: „alles war richtig, alles war wichtig, nichts wurde getan!“ Ob dies wohl auch für die luxemburgische ökumenische Bewegung stimmen mag?

Der Vorträge gab es jede Menge, manchmal zu wenig partizipativ; darum waren die Abendforen umso lebendiger. Hier einige Ideen, die mich anregten, die meisten davon sind von Kardinal Walter Kaspar und Jean-Arnold de Clermont:

  • Wir geben dem zuviel Gewicht was uns trennt, anstatt auf das zu sehen was uns eint. Wir sind nicht Konkurrenten sondern Schwestern und Brüder im Glauben.
  • Wir kennen uns zu wenig, darum lieben wir uns auch zu wenig.
  • Die Frage der Einheit muss uns unruhig sein lassen.
  • Eine versöhnte Verschiedenheit ist was wir anstreben.
  • Es gilt auch mit Mut zum eigenen Anders-sein zu stehen.
  • Müssten wir Christen nicht die Ersten sein, die sich gegen Antisemitismus und Islamaphobie einsetzen, die sich auf die Seite der Einwanderer und Flüchtlinge stellen, die Energiequellen und Bodenschätze nicht verschwenden?
  • Unsere Spaltungen tragen Mitschuld an manchen Kriegen und Konflikten.
  • Wir sollten aufhören, die eigene Abspaltung den Andern zum Vorwurf zu machen.
  • Jeder fange bei sich an!

Es gaben natürlich auch einige Missklänge in Sibiu:

  • so reisten die Vertreter der serbisch-orthodoxen Kirche 2 Tage vor dem Schluss ab, weil das Forum über Kosovo nicht auf dem Programm zurück behalten worden war;
  • Flugblätter einer sich diskriminiert fühlenden, ungarisch geprägten reformierten Kirche aus dem Nord-Westen Rumäniens fanden nicht mal den Weg bis in die Stadt: die Polizei hatte sie schon vor den Stadtmauern beschlagnahmt;
  • der konfuse Auftritt des königlichen Schwiegersohns war peinlich.

Aber diese Misstöne waren nur Peanuts im ganzen Ablauf. Ein Highlight der ganz besonderen Art war das Rundtischgespräch zwischen einem orthodoxen Priester, dem Direktor des katholischen Priesterseminars und einem Imam, alle drei aus Sarajevo, alle drei aktiv im interreligiösen Rat der Hauptstadt von Bosnien&Herzegovina.
Zum Warum des Krieges wurden diese Sätze gesagt: „ Die perfide Propaganda, wir seien bedroht und lebten in einer permanenten Gefahr, einer ständigen Bedrohung, hat uns zu Unmenschen gemacht.“ „Der Versuch, die eigene Identität aufzubauen, ohne den Andern mit einzubeziehe,n wurde uns zum Fluch.“ „Die dreifache Idolatrie der eigenen Religion, des eigenen Territoriums und der eigenen Volksgruppe hat uns blind gemacht“.

Die Frage, wie es denn mit Versöhnung sei, wurde so beantwortet: „Der Staat möchte die Menschen von außen her ändern, wir als Gläubige vertrauen, dass sich die Menschen von innen her wandeln; wir tragen das unsere dazu bei um ein Klima zu schaffen, das Versöhnung ermöglicht, wir haben dabei Geduld, denn diese innere Wandlung lässt sich nicht erzwingen“. Ganz privat fragte ich dann den katholischen Geistlichen um seine Meinung über den nicht existierenden, interreligiösen Dialog in Mostar und Stolac [3]: „Ach, das sind Hardliner“ bekam ich als Antwort, „und weil der Bischof so ist, sind es auch die Priester“ ! Aber sie seien sehr wichtig, so mein Gesprächspartner, die Jugendtreffen in unversöhnten Gegenden, denn sie würden Zukunft schaffen.

Dann möchte ich zum Schluss das Thema Glaube und Politik beleuchten, das vor allem am „Europa-Tag“ zur Debatte stand. Die Präsenz von Kommissionspräsident Barroso, von 2 andern EU-Kommissaren sowie rumänischen Regierungsvertretern machte es auch ohne Worte klar. Glauben ist nicht nur private Angelegenheit, nein, Glaube wird öffentlich gelebt. Natürlich ist Politik von Religion getrennt, aber beide spielen sich im offenen gesellschaftlichen Raum ab; Kooperation und nicht Trennung wurde von allen Seiten gewünscht. Die Kirchen seien nicht nur eine etwas größer geratene NGO, meinte ein orthodoxer Teilnehmer, ihr sakramentelles Leben würde sie verpflichten.

  • Einsatz für Umwelt, von der Schöpfungstheologie getragen;
  • Raum für Fremde, auch Muslime, in unseren Kirchen durch die Nächstenliebe motiviert;
  • Geschwisterlichkeit zwischen Völkern (Schwesterkirchen, Brüdervölker) als christliche Aufgabe;
  • Europa eine Seele geben und so es mit Leidenschaft vereinen helfen, gestützt auf einer Theologie des Zusammenseins.

So brachten es die verschiedenen Redner zum Ausdruck. Nachhaltig geprägt hat mich auch ein Teilnehmer aus Ungarn, der den Ausdruck „Ost-Erweiterung der EU“ hinterfragte. Für ihn und für viele aus den 10 neuen EU-Ländern sei es eine „Heimkehr“ gewesen. Diesen Perspektivwandel mit zu vollziehen ist wahrlich ein Segen, denn nicht mehr Westeuropa steht egozentrisch im Mittelpunkt und breitet sich aus, sondern eine immer schon da gewesene Einheit findet wieder neu zusammen.

Die Schlussfeier am großen Platz gab dieser Realität einen fast verklärten Ausdruck. Zu den Teilnehmern am ökumenischen Treffen kam zu Fuß, aus allen lokalen Kirchen der Umgebung, in Prozession mit Fahne voran, die lokale Bevölkerung, klein und groß, jung und alt. So manche feuchte Augen ließen erkennen, dass es ein historischer Augenblick war, und die Sonne schien dazu!

Und welche Bedeutung hat das nun für die CVX?

  1. Den in unsern 40-Jahre alten Grundsätzen festgeschriebenen einfachen Lebensstil noch konsequenter leben?!
  2. Vermehrt im öffentlichen Raum sichtbar werden, nicht um Privilegien zu verteidigen, sondern um uns noch stärker für Gerechtigkeit und Menschlichkeit in unsrer Gesellschaft einzusetzen?!
  3. Als CVX Begegnungsmöglichkeiten mit Anders-Gläubigen sowie mit Menschen guten Willens schaffen, und zusammen verstärkt am Kommen von Gottes Reich arbeiten, denn auch das steht in unsern Grundsätzen!?

Agnes Rausch
Am 29 September 2007

[2La divine liturgie de Saint Jean Chrysostome

[3Ort an dem luxemburgische Pfadfinder ein Arbeitslager im Sommer 2006 organisiert hatten

Agnès RAUSCH
22. November 2007
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