„Zusammen wachsen - Zusammenwachsen“
Impulsvortrag am Diözesantag der GCL Trier 14. Juni 2008, Saarbrücken Bübingen

1. Die Botschaft des Puzzles (…) ist klar: Es gibt ein Bild, das nicht sichtbar ist, nur in Ausschnitten, unvollständig in den einzelnen Puzzleteilen. Die Einzelnen verwirklichen etwas von dem Bild, aber nicht das Ganze. Die Einzelnen sind wichtig, ohne sie kein ganzes Bild. Aber sie müssen erst zusammen kommen, damit das Bild vollständig sichtbar wird. Und dann wird auch die Bedeutung des Einzelnen noch deutlicher, wenn sichtbar wird wozu der Einzelne beiträgt.

Als Gemeinschaft Christlichen Lebens, als GCL finden wir uns zusammen, weil wir als einzelne spüren, dass diese Gemeinschaft etwas sichtbar macht, was wir als einzelne gar nicht sichtbar machen können. Als GCLer machen wir jeweils etwas von dieser Gemeinschaft sichtbar, aber wirklich deutlich wird das erst, wenn die einzelnen Teile der Gemeinschaft wirklich zu einem Gesamtbild zusammenwachsen.
Und das hat wiederum Rückwirkung auf die Einzelnen: vom Gesamtbild der Gemeinschaft Christlichen Lebens her gibt es Impulse für das Leben und die Sendung der Einzelnen. Zusammen können die Einzelnen in der Gemeinschaft wachsen!
_Für die GCL bedeutet dies auch, dass die Gruppe als kleine Gemeinschaft sich nicht genügt oder genügen kann. Auch Teilausschnitte machen noch nicht das Ganze aus. GCL ist Weltgemeinschaft. Ist das nur ein schönes Bild? Oder bedeutet das mehr?

Beim heutigen Diözesantag der GCL-Diözesangemeinschaft Trier soll es um diese Dimensionen des GCLseins gehen: „zusammen wachsen (miteinander) und zusammenwachsen (zueinander)“!

2. Als Menschen sind wir angelegt auf Gemeinschaft.
“Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist“, heißt es im Schöpfungsbericht der Bibel. Der Mensch braucht Gemeinschaft um wachsen, leben, reifen zu können. Und das gilt in jedem individuellen menschlichen Leben von Anfang an. Als Nesthocker sind wir angewiesen auf die Gemeinschaft und Fürsorge von Eltern und elterlichen Menschen. Als Er-wachsene können wir nur in Gemeinschaft leben. Wir brauchen Liebe und Sorge und Rat und Hilfe von anderen Menschen. Bis hinein ins hohe Alter. Ja vielleicht wird es da auch noch einmal besonders deutlich: Menschen brauchen Gemeinschaft. Allein schon zum vitalen Leben sind wir auf Gemeinschaft angewiesen.
_Das gilt von Anfang an. Im biblischen Sinn können wir da sagen: im Prinzip brauchen Menschen Gemeinschaft um leben und wachsen zu können. Prinzipiell können wir nur zusammen wachsen.
Dabei ist Gemeinschaft aber nicht nur Mittel zum Zweck. Das „zusammen wachsen“ bedeutet zugleich auch ein Zusammenwachsen“: menschliche Gemeinschaft ist ein wesentlicher Sinn menschlichen Lebens. Erst derjenige, der in Gemeinschaft – sei es Familie, Ehe, Partnerschaft, Freundschaft – lebt, lebt Menschsein. Denn das charakterisiert den Menschen: er ist ein soziales Wesen. Die Gemeinschaft ist dem Menschen wesentlich!
Teil der „Menschheit“ zu sein ist nicht bloß eine numerische Größe. Mensch zu sein bedeutet auch in Schicksalsgemeinschaft mit allen Menschen zu stehen. Und frühere Jahrhunderte verstanden den Menschen nur so: als Teil der Menschheit. Und als solche gab es ein Bewusstsein von einem gemeinsamen Auftrag oder einer gemeinsamen Sendung der Menschheit. Im Schöpfungsbericht der Bibel wiederum ausgedrückt in dem oft missverstandenen „Macht euch die Erde untertan!“ Religiös gesprochen: Es existiert eine gemeinsame Verantwortung der Menschen vor Gott. Und dem korrespondiert ein gemeinsames Ziel Gottes für die gesamte Menschheit: das Heil. Wir sprechen vom universalen Heilswillen Gottes.
Erst in der Neuzeit entwickelt sich ein Bewusstsein vom einzelnen Menschen als Individuum. Im Einzelnen verwirklichen sich dieser universale Heilswillen und die gemeinsame Verantwortung auf je individuelle Weise. Aber dies geht nie gegen oder unabhängig von der menschlichen Gemeinschaft. Wir sprechen nicht von ungefähr ja auch dann, wenn wir die Menschheit meinen von „dem Menschen“.
Dass dies in der Wirklichkeit menschlicher Erfahrung auch von Anfang an nicht ohne Brüche oder Widersprüche existent war, ist allen hier bewusst. Partikuläre Interessen, Eigeninteressen haben der Gemeinschaft stets entgegengestanden. Die Erzählung von Kain und Abel, dieser „Brüdergemeinschaft“, ist beredtes Zeugnis davon. Aber diese Erzählung kündet als Negativfolie auch und gerade von der Überzeugung, dass die Gemeinschaft das angestrebte Ziel sein muss. Frieden, „shalom“, wird zur Chiffre des Heils. Und damit ist auch Frieden und Einheit der Menschen untereinander gemeint. Es steckt darin der Auftrag, als einzelne Menschen und als Menschengruppen auf dieses Ziel hinzuarbeiten. Zusammenzuwachsen zu der einen Menschheit in Frieden und Einheit. Ja auch das Herausheben einer partikulären Gemeinschaft im Volk Gottes hat nach biblischem Zeugnis nur den Sinn letztlich alle Völker, alle Menschen, zu einer „Familie“ zusammen zu führen.
Gemeinschaft ist nicht nur Mittel zum Zweck. Gemeinschaft ist selbst der Zweck und das Ziel.

Ich hoffe, Sie verzeihen mir bei diesen anthropologischen Überlegungen, dass ich diese nicht bloß auf dem Hintergrund von Soziobiologie und Philosophie anstelle. Ich führe diese Überlegungen aus erstens als Christ, der nicht unabhängig von der biblischen Botschaft auf den Menschen blickt, und zweitens als Redner, der natürlich hier auch nicht den Raum hat, alle Aspekte des Gesagten umfassend zu beleuchten. Deshalb bleibt sicher manches bruchstück- und eher andeutungshaft.

3. Und so möchte ich denn auch in einem nächsten Schritt gleich von dem reden, was wir als katholische Christen und als GCL, einer Gemeinschaft innerhalb der katholischen Kirche, hier auch zu bedenken haben. Auch wenn dies notwendigerweise holzschnittartig bleibt und nicht alle Dimensionen umfasst.
Das Zweite Vatikanische Konzil formuliert den Auftrag und das Wesen der Kirche in seiner Dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ folgendermaßen: „Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der Menschheit.“ (LG1).
Das Ziel ist: innigste Vereinigung mit Gott, Gemeinschaft mit Gott. Und: das Ziel ist die Einheit der Menschen, sprich deren Gemeinschaft! Dafür steht die Kirche als Zeichen. In der Gemeinschaft der Glaubenden in der Kirche wird etwas sichtbar von der Vereinigung, von der Gemeinschaft mit Gott. Menschliche Gemeinschaft – und die Kirche ist menschliche Gemeinschaft – macht etwas sichtbar von der Gemeinschaft Gottes mit den Menschen, mit den einzelnen und mit der Menschheit. “Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen!“ Ja mehr noch, da Gott selbst in sich nicht Monade, Einzelwesen ist, sondern Dreifaltigkeit, also Gemeinschaft, macht die Gemeinschaft der Kirche sogar etwas sichtbar von Gott.
Ich weiß, dass dies gewagt klingt für unsere Ohren, aber ein Bild des heiligen Paulus, das die Theologie der Kirche entfaltet hat, spricht von der Ehe als Bild für die Kirche und zugleich von ihr als Sakrament für die Liebe und Vereinigung Gottes mit den Menschen. Die eheliche Liebe zweier Menschen macht etwas sichtbar und erfahrbar von der Liebe Gottes, von der Liebe Gottes in sich und von der Liebe Gottes zu den Menschen. Dies ist im kirchlichen Sakrament der Ehe segensreiche Zusage. Im Zusammenwachsen der Ehegatten zur Gemeinschaft vollzieht sich diese Zusage. Und dies hat seine Wirkung auf die jeweiligen Partner: zusammen wachsen sie als Gemeinschaft und zusammen wachsen sie als je einzelne in ihrer Individualität, finden je mehr hin zu ihrer Bestimmung, zum Sinn ihres Lebens. Deshalb sprechen wir ja auch dann im religiösen Sinn von einer Berufung zur Ehe.
Von daher dürfen wir formulieren: Sinn und Ziel, Zusage an die Kirche ist: in ihrem Zusammenwachsen als Gemeinschaft vollzieht sich Vereinigung Gottes mit den Menschen, wird seine Liebe zu den Menschen sichtbar. Und: in diesem Zusammenwachsen als Kirche wachsen die Einzelnen in ihrer Individualität. In der Gemeinschaft der Kirche wachsen die einzelnen Christen je mehr hinein in ihre Berufung!

Da nach dem Verständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils die Kirche aber nicht nur Zeichen dieser Wirklichkeit, sondern auch und zugleich „Werkzeug“ des Zusammenwachsens der Menschen zur Einheit ist, ergibt sich daraus für die Kirche und für die Einzelnen in der Kirche der Auftrag zusammenzuwachsen.
Sinn, Ziel und Auftrag von Kirche ist es, Gemeinschaft mit Gott zu leben und Gottes Gemeinschaft, sein Volk, zu sein. Sinn, Ziel und Auftrag jedes Individuums in der Kirche ist es, je mehr in diese Berufung hinein zu wachsen. Dass dies nicht in der narzisstischen Isolation des Individuums gelingt, sonder nur in der Verwirklichung der Gemeinschaftsorientierung, die in jedem Einzelnen genauso verankert ist, versteht sich von selbst. Mit einem anderen biblischen Begriff lässt sich die genannte Wirklichkeit auch so benennen: Sinn und Auftrag der Kirche ist es, mitzuwirken am Aufbau des Reiches Gottes, bzw. Jesus Christus nach zu folgen, dessen Sendung genau dies ist.

4. Ich habe diese beiden Begriffe deshalb noch eingeführt, weil die Allgemeinen Grundsätze der GCL das Ziel dieser Gemeinschaft Christlichen Lebens innerhalb der Kirche folgendermaßen formulieren: „Unsere Gemeinschaft vereinigt Christen, Männer und Frauen, Erwachsene und Jugendliche, aus allen Bereichen der Gesellschaft, die den Wunsch verspüren, Jesus Christus immer mehr nachzufolgen und sich mit Ihm um den Aufbau des Reiches Gottes zu mühen.“ (AG 4)
Deshalb sind wir alle hier, ob wir nun schon „alte“ GCLer sind, oder ob wir uns gerade herantasten an diese Gemeinschaft. Ob wir nun schon sagen können, dass wir unsere je eigene Berufung schon erkannt haben oder noch nicht. Und wir sind hier, weil wir ausdrücklich oder auch vielleicht nur ahnungsweise erwarten, dass die Gemeinschaft Christlichen Lebens mit ihrer Spiritualität und ihrer Lebensweise uns dazu Hilfe und Unterstützung geben kann. Lassen Sie es mich einmal so formulieren: wir sind hier, weil wir in und von der GCL erwarten, dass sie in unserem persönlichen Leben mit dazu beiträgt, dass wir selbst besser mitmachen können bei der Verwirklichung unseres menschlich-christlich-kirchlichen Zieles; weil wir davon erwarten und erhoffen, dass wir durch die GCL besser Gemeinschaft mit Gott, Gottes Gemeinschaft als Volk leben können, und dass wir dadurch je persönlich gefördert werden in der Ausprägung unserer Individualität und Berufung. GCL kann, so hoffen und ahnen wir, dazu Mittel und Weg sein, zusammenzuwachsen und zusammen zu wachsen..
Ein Weg, der geprägt ist durch die Ignatianische Spiritualität.

5. Natürlich lässt sich das, was „Ignatianische Spiritualität“ meint sehr ausführlich beschreiben. Zusammenfassend aber kann man wohl sagen ist es das „Gott suchen und finden in allem!“. Das ist typisch ignatianisch! Wesensmerkmal der GCL, etwas was uns allen irgendwie klar ist, denn es ist die typische Erscheinungsform ignatianischer Spiritualität in der GCL ist: die Gruppe. GCLer sein ohne Gruppe? Eigentlich geht das nicht!
Die Allgemeinen Grundsätze der GCL sagen unter der Überschrift „Unsere Verbundenheit in Gemeinschaft“ folgendes: “Unsere Hingabe an Gott findet ihren Ausdruck in einer persönlichen Bindung an die Weltgemeinschaft innerhalb einer frei gewählten örtlichen Gemeinschaft. Eine solche örtliche Gemeinschaft, die in der Eucharistie ihre Mitte hat, lässt in der Liebe und im Tun die Einheit konkret erfahren. Denn jede unserer Gemeinschaften ist ein Miteinander von Menschen in Christus, eine Zelle seines mystischen Leibes.“ (AG 7)
Diese fast poetisch formulierten Sätze bieten viel Betrachtungsstoff. Im Moment kommt es mir allerdings vor allem an auf die Beschreibung dessen was Gruppe in der GCL, hier „örtliche Gemeinschaft“ genannt, bedeutet und bewirkt:
Die Gruppe lässt in der Liebe und im Tun die Einheit konkret erfahren. Die Gruppe macht die Bestimmung und den Sinn von Kirche erfahrbar als etwas real gegenwärtiges und fördert die Gemeinschaft von Menschen, von Christen. Also das Zusammenwachsen!
Und: Jede unserer Gruppen ist ein Miteinander von Menschen in Christus, Zelle seines mystischen Leibes. Als Einzelne und als Gruppe sind wir Teil des Leibes Christi (ein Ausdruck für Kirche) mit der Verheißung und dem Auftrag des Reiches Gottes – gemeinschaftlich und individuell.
Dazu heißt es in der Werkmappe der deutschen GCL, in einem Kapitel, das die Grundmerkmale ignatianischer Spiritualität in der GCL entfaltet: „Für den Menschen sind Glaube und Nachfolge Jesus alleine nicht lebbar. Deshalb hat Jesus Christus uns Menschen in eine Gemeinschaft berufen – in die Kirche. In dieser Kirche bilden sich kleine Gemeinschaften, die mehr miteinander verbindet und die das zum Ausdruck bringen wollen. So konkretisiert sich auch unsere Nachfolge in der Gemeinschaft der Kirche und spezifisch in der Gemeinschaft derer, die ihre Berufung auf ignatianische Weise leben wollen.“ (Werkmappe S. 19f)
“In unserem Einsatz, unserem Dienst und unserer Sendung möchten wir mitwirken an der Weitergabe und Verwirklichung des Evangeliums. Diese Mitarbeit geschieht vorrangig in den alltäglichen Lebens- und Berufsbereichen und kann dennoch manchmal außerordentliche Entscheidungen erfordern. Die konkrete Sendung suchen wir mithilfe der Gemeinschaft, v. a. in der Gruppe vor Ort, die uns dann in der Durchführung unterstützt und mit uns die Auswertung in den Blick nimmt.“ (Werkmappe S. 20).
Vielleicht darf ich das Gesagte mit einer persönlichen Notiz verbinden. Als ich mich vor sieben Jahren auf die Suche nach einer GCL-Gruppe machte, war meine Motivation: Ich möchte konkret mit anderen Christinnen und Christen gemeinsam mein Christsein leben. Ich möchte mich austauschen mit Menschen, die wie ich nach ihrem persönlichen Glauben und ihrer persönlichen Berufung suchen. Ich merkte, dass das in der relativen Unverbindlichkeit einer Pfarrei kaum möglich war. Ich wollte eine verlässliche Gruppe, in der ich als Priester nichts besonders bin, und die mir gleichzeitig hilft meine individuelle Berufung in den Blick zu nehmen und zu leben. Dass die ignatianische Spiritualität mir dabei hilfreich und wichtig war, hatte ich schon erfahren. Aber ich hatte auch erfahren, dass diese kirchliche Spiritualität nur in mir lebendig ist, wenn ich sie mit anderen teile.

6. Mit scheint, dass es jetzt an der Reihe ist, einfach noch ein paar Stichworte zu dieser ominösen „Ignatianischen Spiritualität“ zu sagen. Und dazu möchte ich einfach das zitieren, was neben dem eben schon angeführten in dem Artikel aus der Werkmappe über die Grundmerkmale der ignatianischen Spiritualität gesagt wird:

  • In unserem Leben und Glauben gehen wir einen Weg, der von/in Gott seinen Ausgang genommen hat und dessen Ziel ein „Leben in Fülle“ (Joh 10,10) ist. Im Gehen dieses Weges kann erfahren werden, dass wir immer wieder aufbrechen dürfen und müssen, die Chance haben, jeden Tag neu anzufangen, und dass es nie zu spät ist, zu beginnen. So wird Leben lebendig und wir ahnen oder erfahren auch, dass Fülle nicht erst am Ende unseres irdischen Lebens auf uns wartet, sondern bereits hier und heute beginnt.
  • Ignatius von Loyola hat kein Buch geschrieben, sondern eigene Erfahrungen gemacht, reflektiert und aufgezeichnet. Mit diesen „Geistlichen Übungen“ oder „Exerzitien“ leitet er Menschen an, nicht nur oder vor allem in Studium und Wissenschaft Gott zu finden, sondern auch in einer personalen Beziehung. In der Übung des Betens mit dem Evangelium und dem eigenen Leben erfahren wir die Zuwendung Gottes und entdecken mehr und mehr, wie wir von Jesus Christus geprägt werden und Ihm nachfolgen können. „Üben ist ein Akt der Hoffnung“ (A. Lefrank SJ). Ebenso suchen wir in jedem Menschen und in der Mitwelt Gott und Sein Wirken zu entdecken.
  • Unsere Aufmerksamkeit gilt einerseits den Erfahrungen, da sie unserem Leben Tiefe und Reichtum vermitteln können. Andererseits bedarf es der Reflexion dessen, was wir erleben, damit aus Erlebnissen Erfahrungen werden können. Der Blick auf das Erlebte mit den Kräften des Verstandes und des Erkennens vermittelt uns größere Zusammenhänge.
  • Der Weg der Nachfolge Jesu Christi geschieht nicht irgendwie und von selbst. Es geht immer wieder um Entscheidungen und Entschiedenheit . In der Vorgehensweise von „Hören – Unterscheiden – Antworten“ suchen wir in den Ereignissen des täglichen Lebens den Willen Gottes zu finden. Auf diesem Weg kann eine innere Freiheit erfahren werden, die mehr zum Du und zum Wir führt. Der Unterscheidung und Entschiedenheit dienen ebenso der Blick auf die Realität des eigenen Alltags mithilfe des „Gebets der liebenden Aufmerksamkeit“ (geistlicher Tagesrückblick) und das Gespräch mit dem Geistlichen Begleiter/der Geistlichen Begleitung.

Dazu gehört wie gesagt auch das, was eben schon mit den Stichworten Kirche, Einsatz, Dienst und Sendung gesagt wurde.

Wie konkret Gruppenleben von dieser Spiritualität geprägt wird, erleben wir in den Gruppen immer wieder. Dennoch kann es eine Hilfe sein, sich dem auch noch einmal bewusst in einem Workshop heute Nachmittag zu zu wenden.

7. Die Gruppe ist in der ignatianischen Spiritualität der GCL das wesentliche Merkmal und der wesentliche Weg, auf dem diese Spiritualität konkret gelebt und lebbar wird. Und in sofern lässt sich die Gruppe auch als „Gemeinschaft Christlichen Lebens“ charakterisieren.
Dennoch beinhaltet dieser Name der GCL noch mehr.
Als ich vor etwa 23 Jahren erstmals in Kontakt mit der GCL kam lautete der Name korrekt „Gemeinschaften Christlichen Lebens“. Im Rahmen der Überarbeitung der Allgemeinen Grundsätze 1990 bis 1993 wurde dieser Name geändert und vom Plural in den Singular transformiert „Gemeinschaft Christlichen Lebens“. Das Weltdelegiertentreffen von Guadalajara in Mexico 1990 hatte sich besonders mit dem Wesen der GCL als Weltgemeinschaft auseinander gesetzt. Und damit war nicht bloß in den Blick gekommen, dass es weltweit und in vielen Nationen GCL gibt, es war nicht nur gemeint, dass es eine strukturelle und organisatorische Größe Weltebene bei der GCL gibt im Sinne einer zusammengewachsenen Gemeinschaft. Weltgemeinschaft, „Gemeinschaft Christlichen Lebens“ hat darüber hinaus auch etwas zu tun mit dem zusammen wachsen: mit den Hilfen, Anregungen und Impulsen die aus aller Welt kommen und für die Gruppen und die Einzelnen aus der jeweils größeren Gemeinschaft kommen, der Diözesangemeinschaft, der Nationalgemeinschaft und eben der Weltgemeinschaft. Dies verwirklicht etwas von dem Ziel und dem Auftrag von GCL und Kirche allgemein: eben universelle menschliche Einheit und Gemeinschaft zu leben und zu gestalten, im persönlichen Glauben nicht an nationalen oder Mentalitätsgrenzen Halt zu machen, und sich immer wieder und immer neu öffnen zu lassen für die Möglichkeit eines „je mehr“ an Leben und Gemeinschaft, negativ formuliert: sich nicht abzuschließen in das schon Bekannte, Vertraute und Geliebte. Eine Chance auch als Gruppe oder als größere Gemeinschaft zu wachsen. Auch hier seien die Allgemeinen Grundsätze zitiert:
„Unsere Verantwortung, Gemeinschaft zu leben und immer mehr zu entfalten, beschränkt sich nicht auf unsere örtliche Gemeinschaft, sondern umfasst auch die nationale Gemeinschaft ebenso wie die WELTGEMEINSCHAFT CHRISTLICHEN LEBENS.
Diese Verantwortung erstreckt sich auch auf die kirchlichen Gemeinschaften, denen wir angehören (Pfarrgemeinde, Diözese), auf die Gesamtkirche und auf alle Menschen guten Willens.“
(AG 7)

Damit dies alles nicht bloß eine leere Behauptung bleibt, gibt es heute Nachmittag auch dazu zwei Workshops. Einmal zum Thema „GCL-Gruppe – Diözesangemeinschaft – Nationalgemeinschaft – Weltgemeinschaft: mehr als nur Struktur?“ und zweitens zu konkreten schriftlichen Anregungen und Hilfen aus der größeren Gemeinschaft für die Gruppenarbeit.

8. Der frühere Kirchliche Assistent der deutschen GCL Pater Willi Lambert SJ schrieb im Werkheft 1998 einen Artikel über Gemeinschaft mit dem Titel „Das Wunder des Wir“. Den einleitenden Abschnitt dieses Artikels möchte ich vortragen:
“Im Herbst 1996 schrieb Pater Kolvenbach, General der Jesuiten und Kirchlicher Assistent der GCL auf Weltebene, in einem Brief an seine Mitbrüder: ‚In ihrer Beschäftigung mit der weltweiten Gemeinschaft war sich die Generalkongregation bewusst, dass die Kommunität – jene Einheit von Menschen, die einander für ein lebenslanges Miteinander nicht ausgesucht haben – ein fortdauerndes Wunder darstellt.’ Dieses Wort hatten wir einige Monate im Speisesaal unserer Jesuiten-Kommunität in Augsburg hängen. Wenn Gäste das Wort zufällig lasen, ging ein verständnisinniges Lächeln über ihr Gesicht. Gelegentlich zeigte sich im Gespräch, dass sie das Wort vom ‚fortwährenden Wunder’ nicht nur für Jesuiten-Kommunitäten zutreffend fanden, sondern für manch andere Gemeinschaften auch. Mich hat dieses Wort besonders angesprochen: Wo wirklich Gemeinschaft ist, wo verschiedene Menschen wirklich eins sind, da ist ein Wunder geschehen. Die Einheit von Verschiedenem ist für mich ein größeres Wunder als die Heilungswunder, die in der Bibel berichtet werden. Wer das Wunder des ‚Wir’ erfährt weiß auch, dass es das tiefste aller Wunder ist.“ Werkheft3/1998)
Das Wunder des Wir: die GCL darf daran mitwirken. In der GCL können wir dieses Wunder entdecken. Es ist ein Wunder des Wachsens, des zusammen Wachsens und des Zusammenwachsens.

9. Dieser Vortrag wollte und sollte ein Impuls sein für diesen GCL-Tag und zu seinem Thema. Impuls soll Anregung und Anstoß für ein Weitergehen sein. Und so lade ich Sie jetzt im Anschluss an diesen Vortrag ein, sich in kleinen Gruppen hier im Raum zusammen zu setzen und in einen Austausch zu kommen. Die folgenden Impulsfragen sollen dazu anstoßen und helfen ins Gespräch zu kommen.

a. Was empfinde ich jetzt nach dem Vortrag? Wie geht es mir?
b. Kann ich von einer Erfahrung berichten, die das beschriebene „Wunder des Wir“ bestätigt? Erlebe ich Zusammenwachsen und zusammen Wachsen?
c. Was wünsche und erwarte ich von der „größeren“ Gemeinschaft der GCL?

Ralf BRAUN -

Kirchlicher Assistent der GCL-Diözesangemeinschaft Trier

25. Januar 2009
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